vom Bagger fahren. 
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Glück auf 
 
was ist es eigentlich, das Männer zu kleinen Jungs macht, sobald sie an einer Baustelle vorbeilaufen?
Kindheitsträume, Technik und die Größe der Maschinen?
 
Die Einfahrt fegen ist eine lästige „muss-halt-gemacht-werden-aber-lieber-morgen“-Aufgabe. Aber gib einem Mann einen Laubbläser, und der Gehweg sieht aus wie das Innere eines Reinraum-Labors. Brrrruuuuummmmm.
 
In der Bahnhofstraße in Heidelberg entsteht ein neuer Gebäudekomplex. Als ich heute Morgen daran vorbeigefahren bin, wurde gerade das Fundament des 2. Bauabschnitts gegossen. Riesige Maschine, ewig langer Schlauch und die Faszination, dass vor meinen Augen, live, etwas entsteht, von dem ich keine Ahnung habe, wie es funktioniert.
 
Runtergebrochen aufs Wesentliche geht es wahrscheinlich, wie bei den allermeisten Dingen, um ein Gefühl. Wie es war, als kleiner Junge vor diesen riesigen Maschinen zu stehen. Mir vorzustellen, ich bin der Baggerfahrer. Große Löcher zu graben, was zu bauen und in einer kompletten Fantasiewelt zu sein. Eine schöne Art, den Tag zu füllen.
 
Bei mir waren es Spielzeug-Bagger, Playmobil und Lego.
Deswegen bleibe ich heute noch vor Baustellen stehen. Gemeinsam mit meinem Sohn. Oft genug allerdings auch allein.
Soweit ich mich erinnern kann, ist das Gefühl heute noch das Gleiche wie mit 7.
 
Da wir schon über Gefühle sprechen:
 
Wenn wir den Nachrichten glauben, befinden wir uns kurz vor der Apokalypse. Und da wir Menschen dazu tendieren, uns Dinge noch dramatischer vorzustellen als sie tatsächlich sind, kann man durchaus das Gefühl bekommen, der letzte Akt sei bereits gesungen.
Aber stimmt das wirklich?
 
Wir sind in einer schwierigen Situation. Das Land, wahrscheinlich sogar der gesamte Planet. Klimawandel, Aggressionen, Krisen, Kriege, wirtschaftliche und politische Herausforderungen. Die üblichen Themen und an sich nichts Neues. Was jedoch neu ist, ist die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen uns erreichen. Hilft uns Helmut Schmidt, der wiederholt Reinhold Niebuhr zitiert hat?
 
Gib mir die Gelassenheit,
die Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine
vom anderen zu unterscheiden.
 
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
 
Was mir bei den üblichen Themen fehlt, ist etwas anderes.
Etwas, das es nicht in die Nachrichten schafft. Weil es zu langweilig ist. Und zu einfach.
 
Wir verbringen unsere Tage vor Bildschirmen. Morgens der kleine, tagsüber der große, abends der kleine und der andere große.
Auch das ist eine Fantasiewelt. Wir glauben, wir sind in einem Meeting, einem Gespräch mit „einer KI“ oder in unserer Lieblingsserie.
Tatsächlich sitzen wir in einem geschlossenen Raum, unter Neonlicht, und starren auf ein leuchtendes Rechteck.
Der Unterschied zur Fantasiewelt mit 7: Aus der kam ich dreckig, hungrig und glücklich nach Hause.
 
Gleichzeitig optimieren wir. Longevity, Nahrungsergänzung, Schlaftracker, Cold Plunge. Wir lesen über Blue Zones, diese Orte, an denen Menschen auffällig alt werden, und kaufen danach Olivenöl und Magnesium. Was dort allerdings ebenfalls auffällt und in keinem Online-Warenkorb landet:
 
Die Menschen in den Blue Zones sind nicht alleine. Sie sitzen zusammen. Jeden Tag.
Miteinander reden. Geschichten erzählen. Vor allem die, die alle schon kennen. Gemeinsam Brot brechen. Lachen. Unbeschwert sein. Auch wenn es nur für zwei Stunden ist.
 
Gibt es nicht als Kapsel.
 
Und damit sind wir bei den Dingen, die wir ändern können.
 
Die Weihnachtszeit steht an. Die Wochen, die traditionell von Nähe und Gemeinsamkeit geprägt sind. In denen Kollegen, die sich elf Monate lang Mails schreiben, an einem Tisch sitzen und feststellen, dass der andere ziemlich lustig ist. In denen die Familie zusammenrückt, weil der Tisch eigentlich zu klein ist. In denen jemand die Geschichte von damals erzählt, zum zwölften Mal, und alle an derselben Stelle lachen wie immer. Niemand schaut dabei auf einen Bildschirm.
Und wenn doch, gibt es zu Recht Ärger.
Ich glaube, diese Abende sind heute mehr wert als noch vor ein paar Jahren. Weil sie das genaue Gegenteil von dem sind, wohin wir uns gerade bewegen. Keine Einsen und Nullen, kein Algorithmus, keine KI.
 
Ein Tisch, Essen in der Mitte, Menschen drumherum.
Im uuuhmami nennen wir das Family Style Sharing. Früher hieß es Abendessen.
Nenn es wie du willst, das Gefühl dabei ist das Gleiche wie mit 7 vor dem Bagger:
Hier entsteht gerade etwas. Live. Vor deinen Augen.
 
Vielleicht ist alles nicht so schlimm, wie es aktuell scheint. Und wenn doch, dann sind zwei Stunden Abschalten umso wichtiger.
 
Auch damit wir uns daran erinnern, warum es sich lohnt, nicht aufzugeben.
 
You can’t lose if you don’t quit.
ellis
 
P.S. Falls du dich über das „Glück auf“ zur Begrüßung wunderst – ja, ich komme aus dem Ruhrpott.
 
Glück auf = Hoffnung, Kameradschaft und ein sicheres Zurückkehren.
 
2026 mindestens so passend wie 1970. Wahrscheinlich sogar passender. 
 
 
 
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